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People Pleasing: warum es so viel Energie kostet, es allen recht zu machen

1. Juli
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Aug.

Ich war belastbar. Ich hielt den Raum. Ich spürte, wann etwas kippte – noch bevor es kippte. Und trotzdem war ich ständig erschöpft.

 

Lange verstand ich nicht, wie beides zusammengehen konnte.

Vielleicht kennst du das auch: Nach aussen funktionierst du, innen bist du müde, ausgelaugt – ohne genau zu wissen, warum.

 

Heute weiss ich: Bei mir hingen zwei Dinge zusammen – meine feine Wahrnehmung und ein Muster, das einen Namen hat: People Pleasing.


Was ich in jedem Meeting automatisch tat

Ich arbeite als Projektleiterin in der Unternehmenskommunikation. Konflikte machten mich früher fertig. Nicht, weil ich nicht funktioniert hätte – sondern weil mir Beziehungen wirklich wichtig waren (sind sie auch heute noch). Ich wollte mit allen gut in Beziehung sein – nicht um nett zu sein, sondern um mich sicher zu fühlen. Das kostete mich viel – denn in der Projektleitung gibt es immer Reibung. Immer jemanden, dem etwas nicht passt.


Also lief in jedem Kick-off, in jedem Meeting ein zweiter Kanal mit. Wer ist heute wie drauf? Zwischen wem liegt etwas Ungesagtes? Wo muss ich Verbindung suchen, um nicht anzuecken?


Während ich moderierte, präsentierte und überzeugte, nahm ich gleichzeitig auf mehreren Ebenen wahr: Blicke, Haltungen, Schwingungen, Stimmungen. Ich verlor dabei nie den roten Faden – im Gegenteil. Ich spürte einen Einwand, bevor er ausgesprochen war. Ich reagierte, bevor jemand fragen musste. Diese Vielwahrnehmung ist eine Fähigkeit. Das weiss ich heute.


Nicht jede Form von People Pleasing hat damit zu tun. Bei mir kamen zwei Dinge zusammen: eine feine Wahrnehmung – und ein altes Muster, über Anpassung sicher zu sein.


Damals stand diese hohe Wahrnehmungsfähigkeit noch nicht wirklich in meinem Dienst. Ich machte aus dem, was ich wahrnahm, sofort etwas: Ich dachte mit, sortierte, passte mich an, glättete – um mich sicher zu fühlen.


Nach einem langen Arbeitstag war ich so erschöpft, dass meine Familie fragte: Warum bist du denn immer so müde?


Ich verstand lange nicht, dass andere das nicht so machen.


Vielleicht erlebst du etwas Ähnliches: Du erledigst deinen Job – und gleichzeitig nimmst du Stimmungen, Reaktionen, unausgesprochene Signale wahr. Manchmal fein, manchmal ganz deutlich. Das ist eine Fähigkeit. Aber wenn sie automatisch ins Glätten und Anpassen führt, kostet sie dich viel Energie.


Und es hört nicht beim Job auf. People Pleasing reist mit. In Freundschaften. In Beziehungen. In die Familie.


Zwei Ebenen – ein Muster

People Pleasing ist vielschichtig. Und nicht nur negativ. Menschen, die feinfühlig sind, die ausgleichen und aufeinander achten – das hat echten Wert. Es geht nur um eine Frage: Kann ich dabei bei mir bleiben? Oder bin ich nur noch bei den anderen?

Eine Ebene ist offensichtlich: anpassen, ausgleichen, Spannungen vermeiden, damit es für alle stimmt.


Die zweite ist weniger sichtbar: Wie formuliere ich es, damit es gut ankommt? Wie verpacke ich es, damit niemand sich angegriffen fühlt? Wie präsentiere ich es, damit es Zustimmung bekommt?


Ein Teil davon ist Kompetenz. Gerade in der Kommunikation und Projektleitung. Doch irgendwann kippt es – nämlich dann, wenn ich die Verbindung zu mir selbst verliere. Wenn es nicht mehr darum geht, verstanden zu werden, sondern darum, niemanden zu irritieren. So wird meine eigene Stimme leiser. Bis ich sie kaum noch höre. Und da beginnt das Ausbrennen – denn es ist unmöglich, alle zufrieden zu stellen. Anstatt der eigenen Stimme zu folgen, folgen wir den Stimmen der anderen. Und verlieren uns dabei.


People Pleasing hat immer eine Geschichte. Es entsteht dort, wo Zugehörigkeit und Sicherheit einmal daran geknüpft waren, wie gut wir uns anpassen. Das ist kein persönlicher Fehler, sondern eine alte Schutzstrategie, die uns damals geholfen hat. Wie intelligent das ist. Und wie sehr sie uns heute im Weg stehen kann.


Wahrnehmen und trotzdem schweigen – das zehrt

Oft spürte ich etwas, mitten in einem Auftrag, einem Meeting, einem Gespräch. Da hakte etwas – ein Prozess stimmte nicht, eine Richtung fühlte sich falsch an. Manchmal war es ganz fein, aber ich wusste, meine Wahrnehmung stimmt.


Und gleichzeitig wusste ich auch: Wenn ich es direkt anspreche, ecke ich an. Oder ich würde ohnehin nicht verstanden – weil meine Wahrnehmung feiner war als das, was gerade im Raum besprochen wurde.


Also hielt ich mich zurück. War diplomatisch. Glättete.


Nach aussen wirkte ich souverän. Innen fühlte ich mich zerrissen – und zugleich seltsam sicher. Denn wer sich nicht zeigt, kann nicht kritisiert werden. Wer nicht aneckt, bleibt in Beziehung. Den anderen ging es gut. Ich redete mir ein, dass es so ohnehin besser war.


Aber diese Sicherheit kostet: wahrnehmen und trotzdem schweigen – das zehrt.


Ich weiss gar nicht mehr, wann es mir langsam dämmerte. Ich kannte das Konzept People Pleasing schon lange, im Kopf – aber ich fühlte es nicht. In einem längeren Prozess wurde mir nach und nach klar, was ich da eigentlich tat: Ich brannte aus, weil ich immer den Raum hielt, weil ich alle zufrieden stellen wollte. Und weil ich mich dabei verlor.


Eine Kerze, die von beiden Seiten brennt, geht schneller aus.


Was sich verändert, wenn ich aufhöre, es allen recht machen zu wollen

Die Veränderung kam nicht als grosser Vorsatz. Ich konnte das People Pleasing nicht einfach abschalten. Das ist keine Kopfsache – es geht viel tiefer. Ich musste mich zuerst wieder finden, wieder spüren, wieder mit mir in Verbindung kommen. „Hör auf dein Herz" – dieser Satz war für mich lange fast eine Zumutung. Welches Herz? Ich hörte es nicht. Die anderen spürte ich. Aber mich selbst kaum.


Das Zurückfinden passierte Schritt für Schritt. Und dann, wirklich wie ein Geistesblitz: Das, was ich die ganze Zeit tat – dieses ständige Sortieren, Anpassen, Glätten –, war People Pleasing. Und es war das, was mich im Hintergrund permanent Energie kostete. Wie beim Handy, wo alle Apps offen sind und Strom fressen, ohne dass man es bemerkt.

 

Doch diese Erkenntnis allein veränderte noch nicht alles. Erst nach und nach begann ich körperlich zu spüren, wann ich in das Muster glitt: dieses leise Zurückhalten, dieses Glätten. Ich registrierte es nicht mehr nur im Nachhinein, sondern im Moment selbst. Und damit kam die Beobachtung: Was passiert mit mir, wenn ich etwas wahrnehme und es einfach ausspreche? Was passiert, wenn ich mal nicht gefalle?


Es passierte nichts. Nichts Schlimmes. Im Gegenteil, ich fühlte mich einfach mehr mit mir verbunden. Das schenkt so viel Freiraum.


Ich falle immer noch in alte Muster zurück. Aber ich erkenne es schnell – und muss manchmal schmunzeln. Aber: Ich verlasse mich nie wieder selbst.


Ich hörte nicht auf wahrzunehmen. Das ist ja auch eine Gabe. Aber ich tat es nicht mehr, um sofort zu reagieren. Es war nicht mehr bedrohlich. Ich begann damit zu spielen – was passiert, wenn ich bewusst nicht gefalle, sondern authentisch bin? Nicht aus Trotz, nicht alles auf einmal. Sondern Schritt für Schritt die Erfahrung machen: Reibung ist möglich, ohne die Beziehung zu verlieren. Und ich muss nicht zu allen eine enge Verbindung haben, um mich sicher zu fühlen. Die Sicherheit finde ich bei mir selbst – bei engen Freunden, in der Beziehung, im Leben selbst.


Und ich merkte sehr schnell, wie viel Energie mir plötzlich zur Verfügung stand. Für meinen Job. Für meine Ideen. Für das, wofür ich wirklich brenne.

Viel wahrzunehmen und dabei bei mir zu bleiben – darin liegt meine Kraft. Es schenkt mir Energie, statt sie mir zu nehmen. Das braucht aber auch etwas von mir: Ich muss gut für mich sorgen.


Mein Herz spricht zu mir – ich höre es wieder.


Was hilft, bei der eigenen Stimme zu bleiben

Es beginnt damit, sich selbst wieder wahrzunehmen. Das braucht Pausen, das Zulassen von Gefühlen – und ein Gehalten-Sein.

 

Für mich persönlich sind es Räume, in denen nichts von mir verlangt wird. Menschen, bei denen ich mich zeigen und öffnen kann – auch in meiner Verletzlichkeit. Und Orte, an denen mein Nervensystem zur Ruhe kommen darf.

 

Dort spürt mein Körper: Hier ist nichts zu leisten. Niemand wartet auf eine perfekte Reaktion. Hier darf ich einfach sein.


Einen solchen Ort finde ich im Wald.


Dort wird es still und weit in mir. Die Geräusche, das Licht sind einfach da, wirken auf mich. Ich fühle eine grosse Verbundenheit – nicht nur mit mir, sondern mit etwas viel Grösserem. In dieser Stille, in dieser Weite höre ich mein Herz, meine innere Stimme besonders gut.


Und so führe ich heute Frauen genau dorthin – in die Wälder rund um Zürich und im Limmattal.


Wir sind draussen, nicht im Kursraum. Der Boden, die Bäume, die Luft werden Teil des Raums.

Das Nervensystem darf registrieren: Hier ist nichts zu leisten. Niemand wartet auf eine perfekte Reaktion.


Keine der Frauen muss eine Rolle halten. Den Raum halte ich – mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand. Und hier fällt mir das leicht. Hier ist es richtig.


Es geht nicht darum, etwas zu reparieren. Sondern darum, wieder in Kontakt zu kommen mit dem, was schon da ist – in einem selbst und in der Natur.


Lust, den ersten Schritt zu gehen?


Wenn dir einiges aus diesem Text bekannt vorkommt und du dich nach dieser Ruhe, dieser Weite und danach sehnst, gehalten zu werden, dann ist vielleicht jetzt Raum für einen ersten, leisen Schritt zurück zu dir.

 

Ob bei einem Achtsamkeitsspaziergang, in einer Begleitung oder einem Coaching: Ich begleite dich auf deinem Weg – zu einem Leben, in dem der Raum nicht nur für andere gehalten wird, sondern auch für dich.


Frauen die sich gegenseitig halten.

 
 
 

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© 2026 Tamara Sara Koller · woodwalks.ch  | Texte: Tamara Sara Koller, Andrea Hobi, pas de deux, Bilder & Design: Tamara Sara Koller| Fotografie: Vanessa Meier, Zürich
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