Vielleicht funktionierst du danach gerade mal nicht
Kennst du das? Du hattest ein paar richtig gute Tage. Du denkst, jetzt ist etwas anders. Und dann bist du zurück im Alltag, und nach ein paar Stunden ist es zugeschüttet, als hättest du es nie gehabt.
Genau so ging es mir vor heute. Ich kam gestern von vier Tagen Retreat nach Hause, Persönlichkeitsentwicklung als Teil meiner Weiterbildung, und war glücklich. Heute hatte ich frei, machte Haushalt – und merkte, wie es kippte.
Nicht plötzlich, sondern schleichend, mit jeder Maschine Wäsche ein bisschen mehr. Die Zufriedenheit verschwand, und an ihre Stelle trat Gereiztheit. Das schöne Gefühl von Verbundenheit, das ich vier Tage lang hatte halten dürfen, verschwand unter dem Alltag. Bauchdecke verspannt, Schultern hoch, ein Kloss im Hals – da sass der Ärger.
Mein Sohn war auch zu Hause. Er hat gemerkt, dass ich gereizt bin. Ich habe es angesprochen – nicht klagend, einfach, wie es war. Und dann sagte er: Mama, geh in den Wald. Zeig mir, was ich tun muss, dann kann ich dir helfen. Ich zeigte ihm, wann die Wäsche fertig sein würde, wo der Tumbler ist, und er stellte sich einen Timer. So blieb auch nichts liegen.
Zugegeben: Ganz uneigennützig war das nicht. Er durfte in der Zeit fernsehen. Ein Deal also, kein reines Geschenk. Auch das ist ein Abschied vom Perfektionismus – es muss nicht die reine Lehre sein, damit es funktioniert.
Niemand hatte mich gezwungen, an einem freien Tag den Haushalt zu machen. Das war mein eigener Anspruch, damit die Familie gut in die neue Woche startet. Und damit ich mich wohler fühle. Aber jetzt war da jemand, der zurückgab. Der etwas gesehen hatte und etwas anbot. Nicht, weil ich funktionieren musste, sondern weil ich es nicht musste.
Also zog ich die Schuhe an. Ich wollte in den Wald, meine Lieblingsstrecke gehen, dem Bach zuhören, falls er noch Wasser trug. Was ich heute anderen anbiete, war zuerst mein eigener Weg zurück – und das darf es bleiben.
Der Bach war noch da
Ich ging meine Lieblingsstrecke in Oberengstringen. Buchen, Eichen, Tannen, alte, hohe Bäume. Es war sommerlich warm, aber nicht mehr heiss. Das Licht kam durch die Blätter.
Ich hörte den Blättern zu. Buchenblätter, dieses trockene, helle Rauschen im Wind.
Und dann der Bach. Ein kleiner Waldbach, der nach dieser Hitze kaum noch Wasser trägt. Ich war überzeugt gewesen, er sei ausgetrocknet. Er war nicht ausgetrocknet. Er war da.
Ich habe die Augen geschlossen und ihm zugehört. Es ist wie eine innere Dusche. Reinigend. Und kühlend, was gerade bei Gereiztheit angenehm ist, weil sich Gereiztheit innerlich rot anfühlt. Beim Zuhören wird es blau.
Was in diesem Moment passiert, kenne ich inzwischen. Unter Stress verengt sich meine Aufmerksamkeit. Alles wird schmal, dringlich, auf das nächste Ding gerichtet. Draussen weitet sie sich wieder. Nicht weil ich etwas dagegen tue, sondern weil der Wald nichts von mir will. Er verlangt keine Konzentration, und er lässt mich auch nicht aus.
Kurz vor dem Ende der Strecke habe ich verstanden, woher die Gereiztheit kam. Sie hatte gar nicht mit der Wäsche zu tun. Es war das innere Getriebensein. Dieses Weiter, immer weiter, das mich auch an einem freien Tag nicht in Ruhe lässt.
Und jetzt kommt der Teil, den ich ehrlich sagen möchte, weil er sonst nirgends steht:
Es ging mir danach nicht einfach besser. Ich war nicht plötzlich reguliert und heil. Was sich verändert hat, ist etwas anderes. Ich war mir wieder bewusst, was in meinem Körper geschieht.
Das klingt nach weniger. Doch eigentlich ist es mehr. Denn erst wenn ich das wieder spüre, kann ich mich überhaupt fragen: Was brauche ich jetzt? Und dann für mich sorgen.
Es geht immer wieder darum, den eigenen Körper zu spüren und von dort aus zu schauen. Was brauche ich. Was tut mir gut. Und erst dann weitergehen.
Ein Woodwalk ist nicht dazu da, dass du danach wieder besser funktionierst.
Im Gegenteil. Vielleicht funktionierst du danach gerade mal nicht. Und vielleicht ist genau das richtig.
Zu Hause
Ich war anderthalb Stunden unterwegs. Zu Hause spürte ich eine angenehme Müdigkeit. Die innere Unruhe hatte nachgelassen.
Ich bin nochmals in den Körper gegangen. Die Bauchatmung war zurück. Ich spürte meine Füsse, vor allem die Fusssohlen, das ist gut für die Verwurzelung. Im Oberkörper war alles weicher. Der Druck in der Kehle weg. Die Bauchdecke entspannt.
Mein Sohn war auch happy. Er hatte sich in der Zwischenzeit sogar selbständig etwas zu essen gemacht.
Und dann war da noch etwas, das mich überrascht hat: das Gefühl von Sinnhaftigkeit, obwohl ich nicht alles erledigt hatte, der Haushalt nicht ganz fertig war. Wahrscheinlich genau deswegen: Ich habe etwas für mich getan.




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